Wenn alle gegangen sind

Neuer Trauerbesuchsdienst in Lingen und Lengerich/Bawinkel

Das Sechs-Wochen-Amt ist vorbei und nun soll der Alltag wieder einkehren? So kann es gar nicht sein. Die Pfarreiengemeinschaften Lingen-Biene und Lengerich-Bawinkel haben deshalb einen neuen Trauerbesuchsdienst gegründet.

Renate Kallage (l.) und Irmgard Roling besuchen Trauernde.
Foto: Diek-Münchow

Künftig besuchen ehrenamtliche Gemeindemit-glieder die trauernden Angehörigen mehrere Wochen nach der Beerdigung zu Hause: "Ein Besuch, wenn alle gegangen sind". So ist dieses neue Angebot, so war die Fortbildung dafür überschrieben.

Die Idee stammt von Agnes Buschermöhle (Pfarreiengemeinschaft Lengerich-Bawinkel) und Alwine Röckener (Maria Königin Lingen/St. Marien Biene). Jedes Jahr begleiten die Gemeindereferentinnen jeweils etwa 75 Trauernde in ihren Gemeinden. "Die Nachfrage steigt, die Leute suchen so etwas", sagt Alwine Röckener. Denn noch immer werden Tod und Trauer verdrängt, bleiben Betroffene mit ihrer Not allein. Aber genau an ihre Seite muss sich die Kirche stellen, findet Agnes Buschermöhle. "Das ist eine zentrale caritative Aufgabe der Gemeinden, da gehören wir hin", sagt sie ganz entschieden.

Das gilt nach Ansicht der zwei Gemeinde-referentinnen nicht nur für die hauptamtlichen Teams. Trauernde besuchen, trösten und beistehen – das könnten auch Ehrenamtliche. Nicht nur aus reiner personeller Not, sondern aus vollstem Vertrauen in die Talente und Fähigkeiten der Laien. Deshalb haben sie in beiden Pfarreiengemeinschaften nach Frauen und Männern gesucht, um gemeinsam mit ihnen einen neuen Besuchsdienst aufzubauen. 16 Teilnehmer im Alter zwischen Mitte 30 und gut 70 Jahren machten an vier Wochenenden eine intensive Schulung mit. Sie setzten sich mit persönlichen Trauererfahrungen auseinander, lernten Grundkenntnisse über Trauerphasen und Gesprächsführung, redeten über Grundaussagen des christlichen Glaubens miteinander.

"Das war wirklich sehr, sehr gut", sagt Irmgard Roling am Ende des Kurses. Die 58-jährige Krankenschwester aus Lingen-Biene zählt genau wie Renate Kallage (46), Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte aus Langen, zu den Absolventen des Kurses. Auch wenn der Dienst kein einfacher sein wird, fühlen sich beide gut gerüstet dafür. Einige Wochen nach einer Beerdigung wollen sie künftig in ihren Pfarreiengemeinschaften trauernde Angehörige zu Hause besuchen. Wollen einfach da sein. Mitfühlen. Zeit haben, sich zu erinnern, zu schweigen, zu begreifen, zu hinterfragen, zu beten – und so ein bisschen Trost in die Untröstlichkeit bringen. „Wir wollen unser Herz für sie öffnen“, sagt Renate Kallage anrührend schlicht. Zunächst ist nur ein einmaliger Besuch geplant, bei Bedarf kommen sie noch einmal oder vermitteln eine Trauerbegleitung. Ein Flyer wird den Dienst ankündigen, eine Sendungsfeier den Stellenwert der Ehrenamtlichen vor der Gemeinde betonen.

"Man kann nicht einfach so funktionieren wie vorher"

Beide Frauen können sich gut in die Situation hineinversetzen, denn beide haben vor mehreren Jahren ein Kind verloren. Sie wissen genau, wie sich dieser Schmerz anfühlt, wie verständnislos das Umfeld manchmal darauf reagiert. Und wie gut dann eine helfende Hand und ein tröstendes Wort tut. "Man steckt da so drin, man kann nicht einfach wieder so funktionieren wie vorher", sagt Irmgard Roling und berichtet, dass sie selbst damals Hilfe gesucht und gefunden hat. Diese Erfahrungen haben beide Frauen reifen lassen und das möchten sie gern weitergeben.

Anja Egbers nickt bei diesen Sätzen, tiefe Anerkennung und Respekt spiegelt sich in ihrem Blick. Die Referentin für Hospizarbeit und Trauerpastoral im Bistum hat den Kurs mit Agnes Buschermöhle und Alwine Röckener begleitet. Dass die Teilnehmer eigene Erfahrungen einbringen, ist ihrer Ansicht nach "eine große Kraftquelle". Und sie sieht den neuen Dienst als großen Gewinn an, nicht nur für die zwei Pfarreiengemeinschaften. "Daraus kann noch viel mehr wachsen", sagt sie und hofft, dass dieses Beispiel Schule macht. Denn bei allen Diskussionen um Strukturen und Organisation, um Personalmangel und Neuordnungen kommt ihrer Meinung nach der eigentliche, der diakonische Auftrag der Kirche oft zu kurz. "Und da ist Bedarf, darauf müssen wir reagieren."

In den zwei Pfarreiengemeinschaften startet der neue Besuchsdienst in diesen Wochen. Angehörige erhalten im Trauerfall über den Pfarrer einen Informationsflyer. Ein Mitarbeiter des Trauerbesuchsdienstes nimmt dann etwa acht bis zwölf Wochen nach der Beerdigung Kontakt mit den Familien auf, das Angebot bleibt natürlich freiwillig. Die Gruppe stellt sich in den Kirchen vor: am 19. Januar um 18.30 Uhr in Langen, am 26. Januar um 9 Uhr in Lengerich und am 3. Februar um 9 Uhr in Gersten sowie am 16. Februar um 17 Uhr in Biene und um 18.15 Uhr in Maria Königin in Lingen.

Petra Diek-Münchow

Foto: R_K_B_by_Albrecht E. Arnold/pixelio.de.

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